Ein Aspekt, der im Deutschen darüber entscheidet,
ob sollen oder müssen zu verwenden ist, ist der Freiheitsgrad,
den der Handelnde hat. Je enger der Freiheitsgrad, desto
zwingender muss müssen verwendet
werden. Unter Freiheitsgrad wird die Möglichkeit
verstanden, alternativ zu handeln.
Bei den unten stehenden Sätzen würden die
meisten Deutschen wohl schwanken. In Klammern steht
die nach Meinung des Autors üblichere Variante.
Intuitiv würde er aber sagen, dass eine freie und
geheime Wahl nach demokratischen Grundsätzen eine
Verteilung von 60 (für üblich) zu 40 (für
unüblich) zu Tage brächte.
Beispiele:
Dice, que debéis
ir.
= Er sagt, ihr sollt gehen. (üblich)
Dice, que tenéis
que ir.
= Er sagt, ihr müsst gehen. (eher unüblich)
Si alguien se desmaya
en la calle, se tiene que ayudarle.
= Wenn jemand in der Straße ohnmächtig
wurde, muss man ihm helfen. (üblich)
Si alguien se desmayó
en la calle, se debe ayudarle.
= Wenn jemand in der Straße ohnmächtig
wurde, soll man ihm helfen. (eher unüblich)
Habría debido
decirme que no iba a venir.
= Er hätte mir sagen sollen, dass er
nicht kommt. (unüblich)
Habría tenido
que decirme que no iba a venir.
= Er hätte mir sagen müssen, dass
er nicht kommt. (üblich)
Me debe dejar en
paz, entonces yo le dejo en paz también.
= Er soll mich in Ruhe lassen, dann lass
ich ihn auch in Ruhe. (üblich)
Tiene que dejarme
en paz, entonces yo le dejo en paz también.
= Er muss mich in Ruhe lassen, dann lass
ich ihn auch in Ruhe. (unüblich)
Por mí no tienes
que hacerlo si no quieres.
= Du musst das nicht für mich tun,
wenn du nicht willst. (üblich)
Por mí no debes hacerlo
si no quieres.
= Du sollst das nicht für mich tun,
wenn du nicht willst. (unüblich)