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Inhaltsverzeichnis Kapitel 25 25 Was sind Verbalperiphrasen?

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Kapitel 25.5: Tardar en + infinitivo mit dem semantischen ...

  25.5 Tardar en + infinitivo mit dem semantischen Wert des deutschen Adverbs „bald“ / „sofort“            bzw. des idiomatischen Ausdrucks „auf sich warten lassen“
Sieht man die Angelegenheit von einer rein logischen Seite, eine Betrachtungsweise, die nicht immer angemessen ist, wenn es um die Beschreibung der sprachlichen Darstellung der Welt geht, dann ist der semantische Wert des Adverbs „bald“ und des idiomatischen Ausdrucks „auf sich warten lassen“ nicht der gleiche, auch wenn sie unter Umständen ähnlich verwendet werden.

   Beispiel
Bald kam der Zug.
  Der Zug ließ nicht auf sich warten.
  El tren no tardó en llegar.

Bald stellt darauf ab, dass ein Ereignis in der unmittelbaren Zukunft, wobei es dem Sprecher obliegt, was er als „unmittelbar“ empfindet, eintreten wird. „Bald“ stellt auf einen rein zeitlichen Zusammenhang ab. Der Ausdruck „auf sich warten lassen“ bedarf eigentlich eines Subjektes, das auf sich warten lässt. Ein Zug kann aber nicht bewusst auf sich warten lassen, weil ein Zug willentlich gar nichts herbeiführen kann. Gut möglich, dass viele Leute so etwas sagen, aber logisch ist es nicht. Wir sehen den Unterschied noch deutlicher in diesem Beispiel.

   Beispiel
Tardó en llegar.
  a) Er ließ auf sich warten.
  b) Er kam zu spät.

a) suggeriert, dass die Verzögerung bewusst und willentlich herbeigeführt wurde, bei b) kann die Verzögerung auch unverschuldet entstanden sein. Wissen wir, dass jemand den Zug verpasst hat, dann werden wir sagen, dass er zu spät kam und nicht, dass er auf sich warten ließ. Die Verbalperiphrase „tardar + en + venir“ macht diesen Unterschied nicht. Will man unterscheiden, muss man auch im Spanischen anders konstruieren.

   Beispiel
Er ließ auf sich warten.
  => Se hizo esperar.
  Er kam zu spät.
  => Llegó con retraso.

Allerdings scheint in Zusammenhängen, wo die Verspätung in Ermangelung eines Subjektes, das etwas willentlich herbeiführen kann, also einem Zufall geschuldet ist, die Alternative mit einem Adverb zu dominieren. (Will man die Ergebnisse nachvollziehen, muss der ganze Satz in Anführungsstrichen stehen, andernfalls werden alle Seiten als Treffer gelistet, wo die Wörter in irgendeiner Reihenfolge auftauchen.)

   google Treffer
El tren tardò en llegar. => 1280 Treffer bei google
  El tren llegó con retraso. => 7880 Treffer bei google
  => Der Zug kam zu spät.

Allerdings ist das nicht zuverlässig, die „google Analyse“ kann nur einen Anhaltspunkt liefern. Auch der Regen kann willentlich nicht zu spät kommen, aber hier ist es umgekehrt.

   google Treffer
Dentro de poco va a llover. => 4040 Treffer bei google
  No tardará en llover. => 6070 Treffer bei google
  => Bald wird es regnen.

Stichproben dieser Art sind deswegen nicht besonders aussagekräftig, weil man alle jeweiligen Alternativen (z.B. Dentro de poco lloverá) addieren müsste.

Allerdings ist das nicht das einzige Problem mit der Verbalperiphrase „tardar + en + infinitivo“. Vermutlich kann die Verbalperiphrase „tardar + en + infinitivo“ meistens mit den oben genannten Adverbien / idiomatischen Ausdrücken übersetzt werden, allerdings keineswegs immer. Ein ähnliches Problem wie oben haben wir bei Sätzen dieses Typs.

   Tardó en contestar.
a) => Er ließ sich mit der Antwort Zeit.
  b) => Er zögerte mit der Antwort.
  c) => ~ Er zögerte zu antworten.

Sicher ist nur, dass die Übersetzung c) falsch ist, obwohl diese Konstruktion der spanischen Konstruktion mehr ähnelt. Bei c) zögerte er, überhaupt zu antworten, dies jedoch steht außer Frage, geantwortet hat er, allerdings gibt es einen Unterschied zwischen a) und b). Bei a) hat er zwar auch lange nicht geantwortet, aber unter Umständen nur deshalb, weil er zu faul war, sich hinzusetzen und den Brief zu schreiben. Bei b) hat er Probleme, den Brief zu verfassen, aus welchen Gründen auch immer. In diesem Fall ist die Periphrase „tardar + en + infinitivo“ zweideutig.

Wie bereits mehrfach erwähnt, versprechen wir uns von der Beschreibung der Sprache als solche, unter Abstraktion des Urhebers derselben, nämlich des Gehirns, kaum Erkenntnisfortschritte, wir können auch nicht erkennen, dass sich bei der „Sprachwisssenschaft“ um eine Wissenschaft handelt. Die Beschreibung kann lediglich die Basis bieten für Versuchsanordnungen, die einen Rückschluss darüber zulassen, wie das menschliche Gehirn Sprache verarbeitet. Man könnte zum Beispiel prüfen, ab wann der Unterschied zwischen zwei Ausdrücken so bedeutsam wird, dass das Gehirn sich eindeutig für die eine, oder andere Variante entscheidet. Man könnte Versuchspersonen mit folgenden Sätzen konfrontierten.

   1) Vermutlich würden die Testpersonen die Ausdrücke als semantisch gleichwertig einstufen
a) Er ließ sich mit der Antwort Zeit.
  b) Er zögerte mit der Antwort.

   2) Vermutlich würden die Testpersonen sich für a) entscheiden
a) Er ließ sich mit seiner Antwort Zeit, denn eigentlich war sie ihm gleichgültig.
  b) Er zögerte mit seiner Antwort, denn eigentlich war sie ihm gleichgültig.

   3) Vermutlich würden die Testpersonen sich für b) entscheiden
a) Er ließ sich mit seiner Antwort Zeit, weil das Risiko ihm zu groß erschien.
  b) Er zögerte mit seiner Antwort, weil das Risiko ihm zu groß erschien.

Das wiederum könnte man dann abgleichen mit der Fähigkeit, aktiv solche Bedeutungsnuancen hervorzubringen. Zu vermuten ist des Weiteren, dass die Fähigkeit zu unterscheiden mit der Menge an Möglichkeiten korreliert, die das Gehirn bereits als unterschiedlich erkannt hat. Auch wenn es in den nächsten 100 Jahren keine Möglichkeit geben wird, dem Gehirn auf die Pelle zu rücken und definitive Aussagen zu machen, wie es Sprache verarbeitet, könnten so zumindest mal Aussagen über die sprachlose Präsentation der Welt im Gehirn und der sprachlichen Darstellung / Rezeption der Welt gemacht werden. Der Urheber der Sprache würde ins Zentrum gerückt. Im Moment ist er an der Peripherie, was offensichtlich unsinnig ist.

Die Verbalkonstruktion „tardar + en + infinitivo“ drückt in der Regel aus, dass die Verzögerung irgendwie im Subjekt begründet ist. Weil es desinteressiert oder unschlüssig oder weil andere im Subjekt begründete Tatbestände die Realisierung verzögern.

   Tardaremos bastante tiempo en terminarlo.
a) => Wir werden ziemlich lange brauchen um es zu vollenden.
  b) => Wir werden uns viel Zeit lassen um es zu vollenden.
  c) => Wir werden lange zögern, bevor wir es vollenden.

Im Futur kann der Ausdruck noch eine völlig andere Bedeutung haben, die im Deutschen völlig anders übersetzt werden muss. a) , b) und c) sehen den Grund in der einen oder anderen Weise im Subjekt begründet. Manchmal sind die Übergänge jedoch fließend, bzw. die Verzögerung kann durch Umstände bedingt sein, die nicht im Subjekt begründet sind.

   ¿Cuánto tiempo crees que tardaremos en salir de la crisis?
=> Wie lange glaubst du, werden wir brauchen, um aus der Krise heraus zu kommen.
  => Wie lange glaubst du, wird es dauern, bis wir aus der Krise raus sind.

Hier ist unklar, ob eine Veränderung des Zustandes durch ein Subjekt herbeigeführt wird oder selbiger sich schlicht im Laufe der Zeit von alleine ändert. Beide Übersetzungen sind in einem solchen Fall möglich. Ob das Subjekt etwas tun kann, um aus der Krise herauszukommen, ist unklar, es kann im Deutschen unterschiedlich übersetzt werden. Ist die Krise durch ein Naturphänomen bedingt, sind die Möglichkeiten des Subjekts in der Regel sehr beschränkt. Handelt es sich um eine wirtschaftliche Krise, hängt der Spielraum unter Umständen auch vom Subjekt ab.

Noch deutlicher wird das in diesen Sätzen.

   Tardaremos en tener otra oportunidad como ésta.
Tardaremos en tener otra oportunidad como ésta.

Es ist ganz offensichtlich, dass das Subjekt des Satzes keinen Einfluss darauf hat, wann sich die gewünschte Situation einstellen wird.

   Me pregunto cuánto tardaremos en leer noticias sobre la violación de los derechos humanos en    una dictadura militar.
b) => Ich frage mich, wie lange es noch dauern wird, bis wir etwas über die Verletzung der Menschenrechte in Militärdiktaturen lesen.
  c) => ~ Wie lange brauchen wir noch, bis wir etwas über die Verletzung der Menschenrechte in Militärdiktaturen lesen.

Zu a) gibt es schlicht gar keine Alternative. c) ist keine Alternative zu b), denn bei c) wird suggeriert, dass das Subjekt den Zustand herbeiführen kann, was aber unmöglich ist.

Die Konstruktion tardar + en + infinitivo hat also sehr viele Bedeutungen.

   affirmativ
Auf sich warten lassen:
  Tardó mucho en venir.
  => (Er ließ auf sich warten.)
   brauchen: Tardaremos bastante tiempo en terminarlo.
=> (Wir werden einige Zeit brauchen, um es abzuschließen.)
   reine Beschreibung eines zeitlichen Verlaufs:
Tardaremos en tener otra oportunidad como ésta.
  => So eine Gelegenheit bekommen wir so schnell nicht wieder.
   zögern:
Tardó en responderle.
  => Er zögerte, ihr zu antworten.

   negativ:
bald:
  No tardará en llover.
  => (Es wird bald regnen.)

Wie oben beschrieben, sind manchmal mehrere Optionen möglich, wenn der Kontext mehrere Interpretationen des Sachverhalt zulässt und manchmal eben auch nicht, wenn bei einer Alternative eine Bedeutung mitschwingt, die in dem konkreten Zusammenhang absurd ist.

Die Verbalperiphrase tardar + en + infinitivo kann auch eine Zeitangabe beinhalten.

   Beispiel
Tardó tres meses en llover.
  => Es dauerte noch drei Monate, bis es regnete.


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