Wer sich länger mit Spanisch beschäftigt, wird irgendwann auf Konstruktionen dieses Typs stoßen.

Beispiel
Te lo vengo diciendo desde hace una hora.
Das erzähle ich dir schon seit einer Stunde.
Acabamos haciendo lo que los demás nos dicen.
Schließlich machen wir das, was die anderen uns sagen.
Cuando se lo dijeron rompió a llorar.
Als man es ihr sagte, brach sie in Tränen aus.
Cuando se lo dijeron se puso a llorar.
Als man es ihr sagte, fing sie an zu weinen.

Man nennt Konstruktionen dieser Art Verbalperiphrasen. Viele dieser Verbalkonstruktionen sind mit einem Adverb oder einer adverbialen Bestimmung ins Deutsche zu übersetzen.Wie sie im einzelnen zu übersetzen sind, werden wir in diesem Kapitel ausführlich diskutieren. Ein einheitliches Muster, wie zu übersetzen ist, gibt es nicht. Einleitend ein paar Beispiele, wobei die Tatsache, dass es in den Beispielen so übersetzt wird, keineswegs bedeutet, dass die Übersetzung so immer möglich ist.

Beispiel
adverbiale Bestimmung der Zeit + Vollverb
venir + Gerundio
Te lo vengo diciendo desde hace tres días.
Ich sage dir das schon seit drei Tagen.
acabar + gerundio
Acabé pagando para que me dejasen en paz.
Schließlich bezahlte ich, damit sie mich in Ruhe lassen.
das Deutsche hat eine eigene, äquivalente Konstruktion
romper + Vollverb
Rompió a llorar.
Er brach in Tränen aus.
cansarse de + Vollverb
Me cansé de ir allí todos los días.
Ich hatte es schließlich satt, jeden Tag dahin zu gehen.

Die bekanntesten Verbalperiphrasen haben wir in diesem Lehrbuch bereits behandelt. Diese stellen aus didaktischer Sicht kein Problem dar, weil sie weitgehend nach einem einheitlichen Schema übersetzt werden können. Beispielhaft seien noch mal einige genannt.

Beispiel
Sigue viviendo en Madrid.
Er wohnt immer noch in Madrid.
Se pusieron a trabajar.
Sie machten sich an die Arbeit.
Le dejaron hacer lo que quería.
Sie ließen ihn machen, was er wollte.
Estoy por irme.
Ich bin im Begriff, aufzubrechen.

Formal lassen sich Verbalperiphrasen folgendermaßen beschreiben: Verbalperiphrasen bestehen zumindest aus zwei Verben, von denen eines konjugiert wird und dieses konjugierte Verb eine Bedeutung erhält, die von der „eigentlichen“ Bedeutung abweicht, weil es im Kontext der Verbalperiphrase entweder eine völlig neue Bedeutung erhält oder die ursprüngliche Bedeutung modifiziert wird.

Beispiel: llevar + gerundio
Llevo trabajando en esto desde hace ya mucho tiempo.
Ich arbeite schon seit vielen Jahren daran. Die Verbalperiphrase llevar + gerundio hat eine Bedeutung, die sich nicht aus den beiden Verben llevar (tragen) und trabajar (arbeiten) allein ableiten lässt. Das nicht konjugierte, infinite Verb, in diesem Beispiel trabajar, behält zwar seinen semantischen Wert, das konjugierte Verb jedoch, das finite Verb, hat seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Die ganze Konstruktion drückt aus, dass eine Handlung seit längererer Zeit durchgeführt wird. Der semantische Wert dieser Verbalperiphrase kann fast immer mit dem Adverb "seit" ins Deutsche übertragen werden.

Verbalperiphrasen werden vor allem in Bezug auf das Spanische diskutiert. Dies liegt wohl daran, dass das Spanische mehr Verbalperiphrasen kennt, die inhaltlich sehr präzise sind und bestimmte Aspekte der außersprachlichen Wirklichkeit sehr pointiert darstellen. Im Grunde gibt es sie aber in jeder Sprache, allenfalls sind sie in anderen Sprachen nicht so präzise, pointiert und „farbig“. Es kann für die folgenden Überlegungen sinnvoll sein, sich klar zu machen, dass die gleiche Verbalperiphrase in Abhängigkeit vom Kontext einen anderen semantischen Wert hat. Das kann man sich exemplarisch auch anhand einer deutschen Verbalperiphrase klar machen.

lassen + Vollverb

Das Verb lassen wird konjugiert und bekommt eine Bedeutung, die die ursprüngliche Bedeutung modifiziert. Außerhalb des Kontextes einer Verbalperiphrase entspricht lassen weitgehend aufhören.

Beispiel
Lass es ! => Hör auf damit!
Er hat es dann gelassen. => Er hat dann damit aufgehört.

Innerhalb der Verbalperiphrase hat es eine völlig andere Bedeutung, wie folgende Beispiele zeigen. Relevanter für das Verständnis des Folgenden ist aber die Tatsache, dass es innerhalb der Verbalperiphrase unterschiedliche Bedeutungen hat.

1) Er ließ ihn gewähren.
lassen => zulassen.
In diesem Falle hat irgendjemand einen anderen das tun lassen, was selbiger tun wollte. Die Verbalperiphrase bringt zum Ausdruck, dass es sich um einen andauernden Zustand handelte. Die Alternative wäre „Er gewährte es ihm“, was ein punktuelles Ereignis wäre.
2) Wir haben das Auto reparieren lassen.
lassen = beauftragen
In diesem Fall wird nicht zum Ausdruck gebracht, dass man jemanden gewähren ließ, also nichts dagegen unternahm, dass dieser das Auto reparierte, sondern ganz im Gegenteil. Man hat ihn veranlasst das Auto zu reparieren. Man hat nicht zugelassen, dass er das Auto repariert und man hat ihn auch nicht aufgefordert, dies zu unterlassen. Man hat ganz im Gegenteil veranlasst, dies zu tun.
3) Du hast ihn die Rechnung bezahlen lassen.
lassen => (doppeldeutig)
Dieser Fall ist etwas zweideutig. Entweder hat man zugelassen, dass er die Rechnung bezahlt, obwohl es höflicher gewesen wäre, zumindest den eigenen Anteil selbst zu bezahlen oder man hat ihn sogar gezwungen, diese zu bezahlen.
4) Er ließ ihn die Fenster schrubben.
lassen = zwingen
Dieser Fall ist wieder anders. Hier hat man jemandem befohlen, die Fenster zu schrubben. Man hat ihn nicht gewähren lassen, man hat es auch nicht zugelassen und man hat es auch nicht veranlasst. Man hat es schlicht befohlen.

Es gibt im Spanischen Fälle, wir kommen darauf zurück, wo es zur Verbalperiphrase keine semantisch gleichwertige Alternative gibt. Solche Fälle sind im Deutschen selten, vereinzelt gibt es sie jedoch.

Beispiel a
Er arbeitete nicht mehr.
Als sie es ihm sagten, arbeitete er nicht mehr.
beschreibt lediglich einen Zustand, unter Umständen war er Rentner. Er kann er auch schon vorher gemütlich auf dem Sofa gelegen haben, als jemand hereinkam und ihm etwas sagte.
Beispiel b
Er hörte auf zu arbeiten.
Als sie es ihm sagten, hörte er auf zu arbeiten.
Bei b) sagten sie ihm zuerst etwas und dann hat er den Hammer aus der Hand gelegt oder den Computer ausgeschaltet. Die Verbalperiphrase pointiert die Tatsache, dass der Vorgang (arbeiten) beendet wird.

In dieser Situation hat auch das Deutsche zur Verbalperiphrase keine Alternative. Nur die Verbalperiphrase kann unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass eine Handlung beendet wurde.