Das deutsche Verb „bleiben“ stellt bis auf wenige feststehende Ausdrücke (Wir bleiben dabei) auf einen Ort ab. In dieser Bedeutung kann es mit quedar übersetzt werden.

Beispiel
Wir bleiben in Madrid.
Nos quedamos en Madrid.

Das Verb verbleiben wiederum stellt eher darauf ab, dass man „geistig“ einen Zustand beibehält.

Beispiel
Wie verbleiben wir?
¿En qué quedamos?
Beispiel
1) Wir sind so verblieben, dass wir am Montag noch mal darüber sprechen.
2) Quedamos el lunes para hablar de nuevo.

Vergleichen wir 1) und 2) dann können wir zwei Dinge feststellen. Zum einen, dass in beiden Sprachen, und wir können davon ausgehen, dass dies unabhängig voneinander geschah, zwischen dem Verbleib an einem konkreten, geographischen Ort und dem Verbleib in einem „geistigen“ Zustand ein Zusammenhang gesehen wird. Beide Sprachen, und unter Umständen sehr viele Sprachen, verleihen also in ähnlicher Weise Wörtern eine übertragene Bedeutung. (Plastischer sieht man das natürlich bei manchen Adjektiven. Das Adjektiv unter (unter dem Tisch) hat in allen Sprachen auch eine übertragene Bedeutung (unter seiner Regierung), obwohl rein „logisch“ keinerlei Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Verhältnissen besteht. Der Ball, der unter einem Tisch liegt, ist dem Tisch nicht weisungspflichtig, wohingegen eben der Tatbestand der Weisungspflichtigkeit ausschlaggebend dafür ist, dass die Untertanen unter der Herrschaft des Königs leben und sie dies selbst dann noch tun, wenn sie auf dem Berggipfel stehen und der König vom Tal seine Befehle brüllt.) Man kann die Behauptung aufstellen, dass die sprachliche Erfassung der Welt in allen Gehirnen dieser Welt gleich funktionieren würde, wenn nicht die innere Dynamik der Sprachen dem entgegenstünde, das historisch gewachsene morphologische Material bestimmte in der einen Sprache mögliche Konstrukte in der anderen nicht mehr zulässt. Die Tatsache aber, dass Sie Strukturen wie z.B. die Verbalperiphrasen meistens auch „intuitiv“ erfassen, brutal ausgedrückt, Sie sich die Lektüre dieses langen Kapitels auch fast hätten sparen können, legt nahe, dass Ihr Gehirn die Welt in gleicher Art erfasst und darstellt wie das ein Spaniers, wenn Ihnen die Strukturen des Spanischen geläufig sind.

Beispiel
Quedamos el lunes para hablar de nuevo.
~ Wir verbleiben zu sprechen noch mal darüber am Montag.
~ Wir verbleiben im sprechen noch mal darüber am Montag.

In diesem Fall scheitert die strukturgleiche Übersetzung ins Spanische daran, dass im Deutschen weder der Infinitiv noch der erweiterte Infinitiv mit „zu“ ein Substantiv ist und damit auch nicht, wie ein Substantiv, mit einer Präposition angeschlossen werden kann. Das ist auch der Grund, warum Konstruktionen vom Typ quedar + Präposition + Infinitiv nicht ins Deutsche übertragen werden können. Bei den Beispielsätzen unten wird ein zweiter strukturgleicher Satz angeführt, wo der Infinitiv durch ein Substantiv ersetzt wird. Die Konstruktion mit dem Infinitiv kann nicht strukturgleich ins Deutsche übersetzt werden, die Konstruktion mit einem Substantiv kann strukturgleich ins Deutsche übersetzt werden.

Beispiel
a) Muchas veces se quedó sin comer, pasando las noches al raso y con mucho frío.
Oft hatte er nichts zu essen, verbrachte die Nächte im Freien, litt Kälte.
b) Muchas veces se quedó en la cama.
Oft blieb er im Bett.

Bei a) wird über die Präposition en ein Infinitiv angeschlossen, eine strukturgleiche Übersetzung ins Deutsche ist nicht möglich. Bei b) wird ein Substantiv angeschlossen, ein strukturgleiche Übersetzung ist möglich.

Aussagen wie „das Spanische neigt zu Verbalperiphrasen“, „das Deutsche hat eine Vorliebe für Adverbien“, „das Englische hat ein differenzierteres Zeitensystem“ etc. etc. sind nicht falsch, erklären aber nichts. Aussagen dieser Art suggerieren, dass die Sprache an sich, unabhängig von demjenigen, der sie benutzt, die Welt sprachlich in einer bestimmten Art erfasst. Diese Aussage lenkt von den wirklich relevanten Zusammenhängen ab. Tatsächlich ist die sprachliche Erfassung der Welt bei allen Gehirnen dieser Welt gleich, das ist der Grund, warum Sie spanische Verbalperiphrasen auch weitgehend "intuitiv" erfassen, die Unterschiede ergeben sich aus der Willkürlichkeit des morphologischen Materials und der damit in Gang gesetzten unterschiedlichen inneren Dynamik. Die „Sprachwissenschaft“ hat einen etwas „botanischen“ Charakter. Die Botanik im 18. / 19. Jahrhundert war sicher sinnvoll, leitete die Erforschung der genetischen Zusammenhänge ein, führte letztlich zur Molekulargenetik. Als rein beschreibende Wissenschaft konnte sie aber sowenig durchschlagende Erkenntnisse liefern wie die „Sprachwissenschaft".