venir <=> venirse
Auch hier gilt wieder die generelle Tendenz. Venirse wird verwendet, wenn ein Entschluss zugrunde liegt oder der Vorgang nicht geplant war.
Beispiel
Se ha venido de Alemania porque allí hacía demasiado frío.
Er kam von Deutschland hierher, weil es dort zu kalt war.
Die Analyse schwach motivierter, nicht reflexiver Reflexivpronomen kann, sofern ihre Verwendung nicht zu einem eindeutig semantisch unterschiedlichen Wert führt, auf drei Ebenen erfolgen.
1.)
Man kann versuchen Tendenzen aufzuzeigen, im Einzelfall sogar Regeln aufzustellen, die in Abhängigkeit vom Kontext einmal für das Pronominalverb (also die Variante mit Reflexivpronomen) oder für das einfache Verb als die bessere oder sogar einzig richtige Lösung sprechen. Das ist der Weg, der allgemein beschritten wird. Es wird hierbei nicht versucht, ein semantisch gleichwertiges Verb in der jeweiligen Muttersprache zu finden.
2.)
Gibt es semantische Unterschiede, entspricht also dem Pronominalverb ein bestimmtes Verb in der jeweiligen Muttersprache und dem einfachen Verb ein anderes, ist die Analyse relativ einfach. Ist dies jedoch nicht der Fall, dann stellt sich der sehr naheliegende Frage, welches Verb die Nuancierung am besten wiedergibt. Hinsichtlich des einfachen Verbs gibt es hierbei keine Probleme, diesem entspricht ein Verb in der jeweiligen Muttersprache. Hinsichtlich des Pronominalverbs, einen Begriff den wir bislang vermieden haben, weil er unterschiedliche Typen von Verben mit Reflexivpronomen erfasst, sowohl die, bei denen das Reflexivpronomen aus rein grammatikalischen Gründen zwingend notwendig ist (acostarse <=> sich hinlegen), wie auch die, wo es grammatikalisch nicht notwendig ist, ergeben sich allerdings Probleme. Man kann hierbei zwei Situationen unterscheiden. Wir beschränken uns jetzt auf Deutsch als Muttersprache.
a) Dem spanischen Pronominalverb entsprechen eine ganze Reihe von hochsprachlich akzeptierten, also neutralen Verben im Deutschen. Unter neutral wollen wir in diesem Zusammenhang verstehen, dass alle Altersschichten, alle sozialen Gruppen dieses Wort überall und in jeder Situation als "normal" empfinden. Das ist zum Beispiel bei allen Verben der Fall, die eine Bewegung beschreiben: irse, marcharse, salirse, venirse. Möglich sind dann die Verben der Bewegung im Deutschen, die das Verlassen betonen.
Se fue hace una semana
Er ist vor einer Woche abgereist / abgefahren / weggegangen.
Se vino de Alemania porque no aguantaba más el frío.
Er ist von Deutschland weggezogen, weil er die Kälte nicht mehr ertrug.
b) Bei anderen Pronominalverben wie comerse oder beberse ist das schon schwieriger. Man kann die tollkühne Behauptung aufstellen, also eine Behauptung, die man nicht wirklich beweisen kann, dass das Deutsche hier Entsprechungen hat, diese aber nicht neutral sind, also diastratisch (gruppenspezifisch), diaphasisch (situationabhängig) und diatopisch (örtlich eingegrenzt) begrenzt sind, wohingegen im Spanischen diese Begrenzung eben nicht vorliegt. Das ist jetzt einfach mal so ein tollkühne Behauptung, die der Autor in dem Raum stellt. Comerse zum Beispiel geht in Richtung wegputzen. Comerse ist aber neutral, wegputzen nicht.
El nene se comío todo el púdin. <=> Das Kind hat den ganzen Pudding weggeputzt.
¡Cómetelo! <=> Hau rein!
Me comí un pollo intero.<=> Ich habe ein ganzes Huhn verspeist.
Unstrittig ist nur, dass ein gewisses Interesse bestehen kann, "nachzufühlen", welchen emotionalen / affektiven Wert so ein Pronominalverb eigentlich hat. Da das gesamte semantische Feld, gesättigt mit der Erfahrung wer, was, wie, wann sagt, nur in der Muttersprache vorliegt, kann auch nur durch eine Übertragung in die Muttersprache ausgelotet werden, welchen emotionalen / affektiven Wert ein Wort hat, da sich dieser Wert aus der Stellung innerhalb des semantischen Feldes, der Menge der Wörter mit ähnlicher Bedeutung, ergibt. Das Problem besteht aber unter Umständen darin, das ist eben die tollkühne Behauptung, dass sich die semantischen Felder im Spanischen und im Deutschen nicht entsprechen, das heißt, dass es im Deutschen kein neutrales Wort für den spanischen Ausdruck gibt. Der spanische Ausdruck neutral ist, eine Übertragung ins Deutsche aber nur mit einem Wort möglich ist, das eben nicht neutral ist. Anders formuliert: Das gleiche spanische Pronominalverb kann in seinem emotionalen / affektiven Wert in Abhängigkeit vom diastratischen und diaphasischen Kontext variieren.
¡Vete! <=> Geh! Ziel Leine! Mach dich vom Acker! Verpiss dich!
Fazit: Man hat manchmal eine Chance durch eine geeignete Übersetzung "nachzuempfinden" wie ein Pronominalverb im spanischen Orginal klingt, allerdings muss man hierzu sehr oft auf Verben zurückgreifen, die im Deutschen nicht neutral sind.
3
Die Grenze zwischen Nuance und entscheidend anders ist hierbei mitunter fließend. Bei diesem Beispiel haben wir lediglich eine diastratische / diaphasische Nuancierung.
Er hat den ganzen Apfel gegessen.<=> Er hat den ganzen Apfel weggeputzt.
Die Beschreibung der Handlung selbst wird durch diese Alternativen überhaupt nicht verändert oder anders bewertet. Denkbar ist aber auch, dass der Sinn entscheidend verändert wird.
lediglich diastratische / diaphasische Unterschiede: a)
1) Er hat den ganzen Apfel gegessen.<=> 2) Er hat den ganzen Apfel weggeputzt.
Unterschiede im semantischen Gehalt: b)
1) Er hat es gemacht. <=> 2) Er hat es durchgezogen.
a)1) bewertet den Vorgang nicht anders als a)2), enthält auch keine zusätzliche Information. Auch der Ausführende der Handlung wird nicht anders beschrieben. Der einzige Unterschied zwischen a)1) und a)2) besteht im sozialen Kontext. a)2) werden wir eher in einer informellen Situation benutzen, oft wenn der Ausführende ein Kind ist. Zwischen b)1) und b)2) allerdings besteht ein Unterschied. b)2) beschreibt, dass der Vorgang kraftvoll und hartknäckig durchgezogen wird. b)1) kann auch bedeuten, dass er es lustlos gemacht hat, weil irgendjemand es verlangte. b)2) beschreibt eine Handlung, die der Ausführende hartknäckig, von einem starken Willen getrieben, durchführte. Innerhalb eines semantischen Feldes kann man also zwischen lediglich diastratisch / diaphasisch bedingten Alternativen und Unterschieden im semantischen Gehalt unterscheiden. In dem Maße, wie die Unterschiede im semantischen Gehalt liegen, desto unproblematischer sind sie aus lerntechnischer Sicht. Bei den Paaren allerdings, wo die Unterschiede diastratischer / diaphasischer Natur sind, ist es schwierig, sich klar zu machen, wie das spanische Orginal eigentlich "klingt".
Im Einzelfall kann man sich durch ein diastratisch und diaphasisch determiniertes Verb im Deutschen auch regelhaft klarmachen, wann im Spanischen die reflexive Form verwendet werden kann.
Bebe cerveza. <=> Er trinkt Bier.
nicht: ~Se bebió cerveza. <=> nicht: ~ Er hat Bier weggesoffen.*
Se bebió toda la cerveza. <=> Er hat das ganze Bier weggesoffen.
* In diesem Fall kommt noch ein Problem hinzu. Das "se" würde als se impersonal interpretiert und der Satz würde "Man trank Bier" bedeuten.
Das heißt nicht, dass man so tatsächlich immer übersetzen kann, da das deutsche Verb nur in besonderen Umständen verwendet werden kann, aber man kann mit dieser didaktisch motivierten Hilfsübersetzung entscheiden, ob das Pronominaladverb verwendet werden kann oder nicht. In diesem konkreten Fall: Wegsaufen / beberse kann man nur verwenden, wenn von etwas Konkretem die Rede ist ( Er hat DAS ganze Bier weggesoffen. aber falsch: ~Er hat Bier weggesoffen). Die reflexive Form von beber kann nur verwendet werden, wenn ein konkreter Bezug besteht.