Spanisch lernen - Spanisch online Lehrbuch

Satz110
Übungen Level 4: Das Zeitensystem im Spanischen

  Grammatik Satz 111

Spanischer Satz  
  Me pareció, al mismo tiempo, que mi frente se empapaba en un vapor viscoso y que un extraño olor a setas podridas llegaba hasta mi nariz.

Deutscher Satz  
  Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass meine Stirn von einem schleimigen Dampf getränkt wurde,  und dass ein merkwürdiger Geruch nach verfaulten Schwämmen an meine Nase drang.

Grammatik  
 

Wir haben im vorigen und in diesem Satz zweimal das Verb parecer und zwar einmal im imperfecto und einmal im indefinido und fragen uns natürlich, warum es einmal im imperfecto und einmal im indefindo steht.

Mi barbilla apoyábase sobre el suelo del calabozo, pero mis labios y la parte superior de la cabeza, aunque parecían colocados a menos altura que la barbilla, no descansaban en ninguna parte. Me pareció, al mismo tiempo, que mi frente se empapaba en un vapor viscoso y que un extraño olor a setas podridas llegaba hasta mi nariz.

Hinsichtlich der Zeiten konstruiert Julio Cortázar ähnlich.
... tenía el mentón apoyado en el piso del calabozo, pero mis labios y la parte superior de mi cara, que aparentemente debían encontrarse a un nivel inferior al de la mandíbula, no se apoyaba en nada. Al mismo tiempo me pareció que bañaba mi frente un vapor viscoso, y el olor característico de los hongos podridos penetró en mis fosas nasales.

(Julio Cortázar verwendet anstatt der Vermutungsformel deber de schlicht deber.
Dazu José Vera-Morales.
"Es kommt sehr häufig vor, dass das DE der Vermutungsformel DEBER DE weggelassen wird; es kommt auch häufig vor, dass ein DE vor die Infinitivergänzung von deber sollen gesetzt wird. Diese Fehler dürfen nicht nachgeahmt werden.
José Vera-Morales, Spanische Grammatik, dritte Auflage, München 1999, Seite 273
(Was uns aber später interessieren wird, ist die Tatsache, dass er  das imperfecto verwendet.)

Die schlüssigste Erklärung für die unterschiedlichen Zeiten im vorherigen Satz und in diesem Satz ist wohl in dem Verb parecer selbst zu suchen. Wie schon mehrfach erwähnt beschreibt bei dem Verb parecer das imperfecto das andauernde der Imagination, das indefinido das Eintreten der Imagination, also den Moment, in dem das Imaginierte zum ersten Mal geistig präsent ist oder (wir haben diese Dualität schon öfter gesehen) es beschreibt das Imaginierte als einen abgeschlossenen Vorgang. Bei dem imperfecto von parecer haben wir hier auch gar kein konkretes Subjekt, vor dessen geistigem Auge das Imaginierte erscheinen kann. Die deutsche Übersetzung wäre ...es schien... und das abstrakte Subjekt zeigt schon an, dass es sich um eine andauernde Handlung handelt, um eine Hintergrundhandlung; dem abstrakten Subjekt kann das Imaginierte gar nicht erscheinen. Anders verhält es sich bei dem indefinido. Hier haben wir einen Dativ: me pareció, mir erschien. Diese Konstruktion zielt ab auf den Eintritt der Imagination.

Es wäre eine Sprache denkbar, bei der grundsätzlich der Eintritt der Handlung mit einem indefinido beschrieben wird, das Andauernde durch das imperfecto. Es wäre eine Sprache denkbar, bei der Verben wie llover, nevar etc. im indefinido den Beginn des Ereignisses beschreiben, das imperfecto die Dauer. Weder im Spanischen noch im Deutschen ist dies realisiert. Im Spanischen ist das nur bei Verben der mentalen Tätigkeit wie parecer, creer, saber, conocer etc. realisiert. Der Autor glaubt, ohne es zu wissen, dass im Russischen dieser Ansatz konsequenter umgesetzt ist.

Vergleichen wir "unsere" Übersetzung mit der Übersetzung von Julio Cortázar, dann stellen wir hinsichtlich der Zeiten einen Unterschied fest.

"Unsere" Übersetzung
Me pareció, al mismo tiempo, que mi frente se empapaba en un vapor viscoso y que un extraño olor a setas podridas llegaba hasta mi nariz.

Julio Cortázar
Al mismo tiempo me pareció que bañaba mi frente un vapor viscoso, y el olor característico de los hongos podridos penetró en mis fosas nasales.

Einmal heißt es also ... llegaba ... und einmal ... penetró ... wir haben also einmal ein imperfecto und einmal ein indefinido. Wat nu ? Beim ersten Satz hängen die beiden imperferctos ... se empapaba ... und
... llegaba ... von ... Me pareció ... ab, einem Verb der mentalen Durchdringung, das folglich die Berücksichtigung der Logik der consecutio temporum erzwingt. Die imperfectos stehen für Gleichzeitigkeit.

Aber was ist mit dem Satz von Julio Cortázar? Sollen wir jetzt irgendeine Hirngymnastik machen und sagen, dass das ... bañaba ... ein andauernder Zustand ist und das ... penetró ... eine punktuelle Handlung? Das wird niemand so richtig als überzeugendes Argument akzeptieren. Schauen wir uns mal den Satz von Julio Cortázar genau an. Hängen wirklich beide imperfectos , also sowohl ... bañaba ... wie auch ... penetró ... von dem ... me pareció ... ab? Schauen wir uns den Satz doch nochmal ganz genau an.

Al mismo tiempo me pareció que bañaba mi frente un vapor viscoso, y el olor característico de los hongos podridos penetró en mis fosas nasales.

Wir haben das que rot markiert, und wie deutlich zu sehen, fehlt es beim zweiten Teil des Satzes. Nur das ... bañaba ... hängt ab von dem ... me parecío ... nicht aber das ... penetró ... Ein indefinido kann auch nie von einem Verb der mentalen Durchdringung in einer Vergangenheitszeit abhängen. Man könnte ohne großen Aufwand den Satz umbauen, so dass sowohl das bañar wie auch das penetrar von dem ...me parecío... abhängt, also so konstruiert, wie "unsere" Übersetzung konstruiert.

Al mismo tiempo me pareció que bañaba mi frente un vapor viscoso, que el olor característico de los hongos podridos penetraba en mis fosas nasales.

Natürlich hätte auch unabhängig von der consecution temporum das imperfecto stehen können, man hätte das Eindringen in die Nase als andauernde Handlung beschreiben können, hätte zu dieser Handlung andere Handlungen als parallel verlaufend beschreiben können. Das wäre aber didaktisch nicht so wertvoll gewesen, und höchstwahrscheinlich hat Julio Cortázar aus didaktischen Gründen hier mit einem indefinido konstruiert, er wollte testen, ob der Leser erkennt, dass dieses Verb nicht von dem ... me parecío ... abhängen kann. Hätte er gleich mit dem imperfecto konstruiert, wären alle in die Falle gelaufen, hätten einen Zusammenhang zu ... me parecío ... hergestellt, der aber tatsächlich nicht vorliegt.

Julio Cortázar beschreibt das Eindringen des Gestankes in seine Nasenhöhle als punktuellen Vorgang, "unsere" Übersetzung stellt die Gleichzeitigkeit des Wahrnehmens mit Eindringen des Gestankes in den Vordergrund. Da aber schon die Wahrnehmung durch das indefinido als punktuelles Ereignis geschildert wird, ist das Eindringen des Gestankes, das imperfecto hat in der Logik der consecution temporum seine ursprüngliche Funktion verloren, ebenfalls ein punktueller Vorgang.

Bleibt nur noch die Frage zu beantworten, welche dieser beiden Übersetzungen dem englischen Orginal näher ist.

At the same time, my forehead seemed bathed in a clammy vapour, and the peculiar smell of decayed fungus arose to my nostrils.

Gleichzeitig schien meine Stirn gebadet in einem klebrigen Dampf und der eigentümliche Geruch verfaulter Pilze stieg zu meinen Nasenhöhlen empor.

Im englischen Orginal ist also nur das ... bathed ... abhängig von ... seemed ... nicht aber der Rest des Satzes. Die Übersetzung Julio Cortázars ist also dichter am Orginal.

Ob wir das Eindringen des Gestankes als Glied einer Handlungskette, oder als Parallelhandlung betrachten müssen, können wir dem englischen Orginal nicht entnehmen.

Man hätte auch so übersetzen können, die folgenden Handlungen als Parallelhandlungen bezeichnen können.

Al mismo tiempo me pareció que bañaba mi frente un vapor viscoso, que el olor característico de los hongos podridos penetraba en mis fosas nasales.


Vokabeln  
  empapar = tränken, einweichen
  empaparse = sich vollsaugen
  el vapor = der Dampf
  viscoso = schleimig
  el olor = der Geruch
  la seta = der Schwamm (das Tier im Meer), der Pilz
  pudrir = faulen
  podrido = verfault, modrig
Satz110