Spanisch lernen - Spanisch online Lehrbuch

Satz130
Übungen Level 4: Das Zeitensystem im Spanischen

  Grammatik Satz 131

Spanischer Satz  
  No he podido saber nunca cuánto tiempo duró; pero, al abrir los ojos, pude distinguir los objetos que me rodeaban.

Deutscher Satz  
  Ich habe nie in Erfahrung bringen können, wie lange er gedauert hat, aber als ich die Augen öffnete, konnte ich die Gegenstände, die mich umgaben, unterscheiden.

Grammatik  
 

Wir haben mit es mit ... he podido saber nunca ... mit einem, in diesem Text ziemlich selten auftauchenden, pretérito perfecto zu tun.

Machen wir uns mal darüber Gedanken, welche Alternativen wir zum pretérito perfecto gehabt hätten.

a) No he podido saber nunca ...
b) No podía saber nunca ...
c) No pude saber nunca ...

Vorab sei bemerkt, dass alle drei Versionen richtig sind und in dem jeweils dazu passenden Kontext auch verwendet werden.

aa) No he podido saber nunca lo que había pasado e incluso hoy en día no me lo puede explicar.                = Ich habe nie erfahren, was passiert war, und ich kann es mir bis auf den heutigen Tag nicht erklären.
bb) No podía saber nunca si estaban borrachos o no.                                                                                 = Ich konnte nie wissen, ob sie betrunken waren oder nicht.
cc) No pude saber nunca lo que había pasado hasta que él me lo contó.                                                     = Ich konnte nie in Erfahrung bringen, was passiert war, bis er es mir sagte.

Formal gesehen haben wir es mit einem normalen pretérito perfecto zu tun. Geschildert wird eine Handlung, die in der Vergangenheit einsetzt und in der Gegenwart andauert, allerdings habe wir es hier wohl mit einer Demonstration am ungeeigneten Objekt zu tun, denn es ist der Nichteintritt der Handlung, die bis zum Sprechzeitpunkt andauert. Er hat es in der Vergangenheit nicht gewußt und weiß es in der Gegenwart immer noch nicht. Was den Übersetzer veranlasst hat, so kompliziert zu konstruieren, wissen wir nicht. Der englische Orginalsatz mag zwar grammatikalisch auch merkwürdig sein, aber er ist von schlichter Schönheit.

How long it lasted of course I know not; but when once again I unclosed my eyes the objects around me were visible.

Im englischen Orginalsatz steht ein schlichtes Präsens und man wird wohl zustimmen, dass das Nichtwissen, das in der Vergangenheit einsetzt und sich bist zum Erzählzeitpunkt hinzieht, schlicht mit ...Ich weiß nicht... übersetzt werden könnte, also mit ...No lo sé. Und genau so übersetzt Julio Cortázar.

No sé, en verdad, cuánto duró, pero cuando volví a abrir los ojos, los objetos que me rodeaban eran visibles.

Das klärt natürlich unsere grundlegende Frage nicht. Warum verwendet er das pretérito perfecto und nicht das pretérito imperfecto oder das pretérito indefinido.

Das pretérito indefinido können wir ausschließen, denn das müsste dann mit ...erfahren bzw. mit in Erfahrung bringen... übersetzt werden. Das indefinido von ...saber... muss genauso wie das indefinido von ...poder saber... als Verb der geistigen Tätigkeit gesehen werden, folglich bezeichnet das indefinido entweder das erstmalige auftreten der Imagination oder die Abgeschlossenheit. .

Beginn der Imagination (Ubersetzung mit in Erfahrung bringen)

No pude saber si era cierto o no lo de los soldados, pero los taxistas en general encarnan el imaginario colectivo de una sociedad. => Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, ob das mit den Soldaten richtig war, aber im Allgemeinen stellen die Taxifahrer die kollektive Vorstellungswelt einer Gesellschaft dar. No pude saber más, pues vencieron los dos minutos. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen, weil die zwei Minuten um waren. No pude saber cómo terminó. = Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, wie es geendet hat.

Imagination als abgeschlossene Handlung in abgeschlossener Vergangenheit (Übersetzung mit wissen)

En este entonces nadie pudo saber que todo resultara en un desastre.
= Damals konnte niemand wissen, dass alles in einem Desaster enden wird.
No pudieron saberlo, porque nadie se lo había dicho.
= Sie konnten es nicht wissen, denn niemand hatte es ihnen gesagt.

Keiner dieser beiden Fälle liegt aber hier vor. Weder handelt es sich um einen abgeschlossenen Vorgang in abgeschlossener Vergangenheit, noch wird auf den Beginn der Imagination abgestellt.

Das pretérito imperfecto beschreibt einen Vorgang, der keinen Bezug zur Gegenwart hat, der sich in der Vergangenheit gewohnheitsmäßig wiederholte und / oder dessen Anfang und Ende unbekannt ist oder nicht interessiert. Es gibt also hinsichtlich der Verwendung des imperfecto in diesem Satz mehrere Probleme. Erstens kennen wir den Beginn der Handlung (bzw. der Nichthandlung). Es kann nur der Moment sein, nachdem er wieder aufgewacht ist. Weiter will er betonen, dass er bis zu dem Zeitpunkt, in dem er die Geschichte schreibt, nicht hat in Erfahrung bringen können, wie lange er geschlafen hat. Es soll also ein Bezug zur Gegenwart hergestellt werden. Es gibt aber noch ein stärkeres Argument, das gegen das imperfercto spricht. Das imperfecto beschreibt prinzipiell Grundhandlungen, bettet folglich die folgenden Handlungen in die im imperfecto beschriebene Handlung ein. Wir sehen die Problematik auch, wenn wir den Satz mit dem deutschen Imperfekt konstruieren, auch im Deutschen wird er dann merkwürdig.

Ich konnte nie wissen, wie lange es dauert. Das heißt etwas anderes.

Das heißt, dass er nie wußte, wie lange es dauert. Wenn er z.B. zum Friseur ging, wußte er nie, wie lange es dauert. Das ist auch nicht ganz unser Fall. Auf Spanisch alllerding hätten wir noch ein viel gravierendes Problem, der Satz wäre grammatikalisch schlicht falsch.

Falsch: No podía saber nunca cuánto tiempo duró

Ist falsch. Saber ist ein Verb der mentalen Durchdringung und folglich sind die Regeln der consecution temporum anzuwenden. Steht das Verb also in einer Vergangenheitszeit und ... no podía ... ist eine Vergangenheitszeit, dann kann nie das indefinido folgen. Möglich wäre also höchstens so was.

No podía saber nunca cuánto tiempo duraba.

Das wiederum bedeutet aber nicht das, was wir sagen wollen, und folglich bleibt nur das pretérito perfecto übrig. Wie oben aber bereits erwähnt, ist der schlichte Präsens die eleganteste Lösung, insbesondere auch deswegen, weil er am dichtesten am englischen Orginalsatz ist.


Vokabeln  
  distinguir = unterscheiden
  rodear = umgeben
Satz130