Spanisch lernen - Spanisch online Lehrbuch

Satz208
Übungen Level 4: Das Zeitensystem im Spanischen

  Grammatik Satz 209

Spanischer Satz  
  A pesar de la gran dimensión de la curva recorrida-unos treinta pies, más o menos-y la silbante energía de su descenso, que incluso hubiera podido cortar aquellas murallas de hierro, todo cuanto podía hacer, en resumen, y durante algunos minutos, era rasgar mi traje.

Deutscher Satz  
  Trotz der Größe der Kurve, ungefähr dreißig Fuß, und der pfeifenden Energie, die bei seinem Abschwung erzeugt wurde, die sogar diese Mauern aus Eisen hätte durchschneiden können, konnte es für einige Minuten lediglich mein Kleid zerreissen.

Grammatik  
 

"Unsere" Übersetzung ist etwas frei und man kann sich auch fragen, ob diese Übersetzung einem das Leben tatsächlich erleichtert. Kritisch ist das participio perfecto ... recorrida ... zu betrachten.

Das participio perfecto im Spanischen ist mächtig, kann viele Funktionen erfüllen, hier allerdings wird er etwas strapaziert.

Das participio perfecto kann einen Relativsatz ersetzen.

Los árboles plantados ofrecían un abrigo contra el sol.
Los árboles que se había plantado ofrecían un abrigo contra el sol.

Das participio perfecto kann einen Temporalsatz ersetzen.

Acabado el trabajo, se fueron a la playa.
Después de haber acabado el trabajo, se fueron a la playa.

In unserem Beispiel könnte man das participio perfecto höchstens als verkürzten Temporalsatz ansehen, in diesem Sinne würde er Vorzeitigkeit ausdrücken. Das Problem dabei ist, der Vorgang ist absolut nicht vorzeitig, sondern wiederholt sich ständig. Wenn ein Pendel immer denselben Winkel durchfährt, ist völlig unklar, was daran vorzeitig sein soll.

Wenn ein Mensch auf und ab schreitet, können wir nicht mit einem Temporalsatz konstruieren, wir können so was in der Art nicht sagen.

Nachdem er 10 Meter gegangen war, ging er dieselbe Strecke wieder zurück.

Tatsächlich können wir das aber nicht sagen, weil dann gar nicht zum Ausdruck kommt, dass er hin und her läuft. Beziehungsweise wir könnten es, aber der Satz wird dann verdammt lang.

Nachdem er 10 Meter gegangen war, ging er dieselbe Strecke wieder zurück, nachdem er dieselbe Strecke wieder zurückgegangen war, ging er die Strecke wieder zurück, nachdem er die Strecke wieder zurück-

gegangen war, ging er dieselbe Strecke wieder zurück, nachdem er ... Ich glaube wir lassen das besser. Das participio perfecto, das einen Temporalsatz ersetzt, kann hier nicht verwendet werden, und in dem englischen Orginal ist auch weit und breit kein past participle und kein Temporalsatz in Sicht.

Notwithstanding its terrifically wide sweep (some thirty feet or more) and the hissing vigour of its descent, sufficient to sunder these very walls of iron, still the fraying of my robe would be all that, for several minutes, it would accomplish;

Und auch Julio Cortázar verwendet kein participio perfecto.

A pesar de su carrera terriblemente amplia (treinta pies o más) y la sibilante violencia de su descenso, capaz de romper aquellos muros de hierro, todo lo que haría durante varios minutos sería cortar mi sayo.

Mit den zwei condicionales ... haría ... und ... sería ... haben wir wenig Sorgen. Der condicional simple wird einerseits im ...dann Teil... eines Bedingungssatzes (Si yo fuera rico, el dinero no me importaría = Wenn ich reich wäre, interessierte ich mich nicht für Geld) verwendet, andererseits drückt er Zukünftiges von einem Zeitpunkt der Vergangenheit her aus. Das sind seine Grundfunktionen und in in einer dieser Grundfunktionen, Schilderung zukünftigen Geschehens aus einem Zeitpunkt der Vergangenheit heraus, wird er hier verwendet.

Wesentlich mehr Probleme bereitet uns das pluscuamperfecto de subjuntivo ... que incluso hubiera podido cortar aquellas murallas de hierro ... Er rechtfertigt sich zwar durch den hypothetischen Charakter des Geschilderten, wir können uns aber trotzdem fragen, ob auch der condicional compuesto hätte verwendet werden können, ob der Satz auch so hätte lauten können.

A pesar de la gran dimensión de la curva recorrida-unos treinta pies, más o menos-y la silbante energía de su descenso, que incluso habría podido cortar aquellas murallas de hierro, todo cuanto podía hacer, en resumen, y durante algunos minutos, era rasgar mi traje.

Dazu Vera Morales

"Im condicional simple bzw. condicional compuesto ( oder in dessen häufigen Ersatztempus pluscuamperfecto de subjuntivo) steht ein Relativsatz, wenn er den ...dann Teil... einer irrealen Hypothese über direkt oder indirekt identifizierbare Personen und Dinge darstellt (der wenn fällt häufig weg).

No vale la pena hablar de lo que habría / hubiera pasado.
Es lohnt sich nicht, von dem zu reden, was geschehen wäre. "

Vera Morales, Spanische Grammatik, dritte Auflage, München 1999, Seite 678

Wir erhalten also eine, für unser Problem wesentliche Information. Das pluscuamperfecto de subjuntivo kann als Ersatztempus für den condicional compuesta verwendet werden. Weiter beschreibt Vera Morales auch den Fall, den wir haben. Genau genommen ist der Relativsatz ein Bedingungssatz, bei dem allerdings die Bedingung fehlt. Der Pendel könnte die Metallmauern durchschneiden, wenn er sie überhaupt erreichen würde. Allgemein kann man wohl sagen, dass jeder hypothetisch beschriebene Sachverhalt im Grunde ein ...wenn ... dann ... Satz ist. Vera Morales sagt aber genau genommen noch was anderes. Er nennt den condicional compuesta als den Regelfall, das pluscuamperfecto de subjuntivo als ein mögliches Subsitut. Man kann in unserem Satz also das pluscuamperfecto de subjuntivo durch einen condicional compuesto ersetzen.

Rätsel gibt uns allerdings auch das imperfecto ... todo cuanto podía hacer ... auf. Besonders rätselhaft wird das ganze, wenn man die Übersetzung von Julio Cortázar dagegen hält, er konstruiert mit einem condicional ... todo lo que haría durante varios minutos sería cortar mi sayo ... Es soll nun also so sein, dass das imperfecto ... podía ... dieselbe zeitliche Dimension ausdrücken soll wie der condicional ... haría ... Da müssen wir schon tief in die Trickkiste greifen um uns das zu erklären.

Hierzu Vera Morales

"So wie das presente Zukünftiges hinsichtlich des gegenwärtigen Jetzt bezeichnen kann, so kann das imperfecto Zukünftiges hinsichtlich eines ehemaligen Jetzt bezeichnen:

Eran las cinco y media y el tren llegaba a las seis, de modo que no había razón para inquietarse. Es war halb sechs, und der Zug sollte um sechs ankommen, zur Nervosität bestand also kein Anlaß."

und weiter unten

"Gemäß der hier dargestellten Regel stellt das imperfecto eine Alternative zum condicional bei der Bezeichnung eines prospektiven Geschehens dar."

Vera Morales, Spanische Grammatik, dritte Auflage, München 1999, Seite 331

Die naheliegende Frage, die sich nun jeder stellt, ist diese. Wenn das imperfecto auch Zukünftiges aus der Sicht der Vergangenheit ausdrücken kann, wie kann man es dann von einem "echten" imperfecto unterscheiden. Die Antwort ist schockierend. Gar nicht, aber das ist manchmal auch egal. Egal ist es, weil das imperfecto einen Vorgang der Vergangenheit als nicht abgeschlossen beschreibt und ein Vorgang, der in der Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, verweist zwangläufig auf die Zukunft.

Als er es mir erzählte, glaubte ich ihm.

Auch hier wird, aus der Sicht der Vergangenheit gesehen, etwas Zukünftiges, erzählt, weil er ihm eine Weile glaubte. Trotzdem kann man sich darüber wundern, weil in der Logik der Zeitenfolge und in der Logik der indirekten Rede die Funktion des imperfectos und die Funktion des condicionals klar getrennt sind. Der eine steht für Gleichzeitigkeit, der andere für Nachzeitigkeit.

Me dijo que lo hacía. Er sagte mir, dass er es mache.
Me dijo que lo haría. Er sagte mir, dass er es machen würde.

In unserem Fall allerdings kann uns niemand daran hindern, den Satz auch anders aufzufassen. Wir können ihn auch so verstehen, dass der Pendel im Moment dabei ist, sein Kleid zu zerschneiden. Es kann uns wenig daran hindern, es als "echtes" imperfecto zu sehen.

Das englische Orginal stellt aber eindeutig auf die Zukunft ab, so dass es besser gewesen wäre, diese Zweideutigkeit, wie es Julio Cortázar getan hat, zu vermeiden.

Notwithstanding its terrifically wide sweep (some thirty feet or more) and the hissing vigour of its descent, sufficient to sunder these very walls of iron, still the fraying of my robe would be all that, for several minutes, it would accomplish; and at this thought I paused.

Julio Cortázar übersetzt mit einem condicional

A pesar de su carrera terriblemente amplia (treinta pies o más) y la sibilante violencia de su descenso, capaz de romper aquellos muros de hierro, todo lo que haría durante varios minutos sería cortar mi sayo.


Vokabeln  
  a pesar = trotz
  recorrer = durchlaufen
  el pie = der Fuß (hier: Übersetzung des englischen foot als Maßeinheit)
  silbar = pfeifen
  silbante = pfeifend
  el descenso = der Abstieg, Talfahrt
  cortar = schneiden
  luego = später
Satz208