Spanisch lernen - Spanisch online Lehrbuch

Satz76
Übungen Level 4: Das Zeitensystem im Spanischen

  Grammatik Satz 77

Spanischer Satz  
  Respiré con mayor libertad.

Deutscher Satz  
  Ich atmete freier.

Grammatik  
 

Hätte man mit dem imperfecto ...respiraba... übersetzen können, und wenn ja, was hätte es bedeutet? Es ist natürlich ziemlich deutlich, dass respirar ein andauernder Prozeß ist. Respirar ist immer Hintergrundhandlung, gibt es diese Hintergrundhandlung nicht, dann gibt es bei allen Lebewesen auch keine Handlungen mehr, die in diese eingebettet sind. Unser respirar steht aber im indefinido, folglich haben wir es nicht mit einem normalen Atmen zu tun. Tatsächlich atmet er nicht, bzw. das tut er schon die ganze Zeit. Tatsächlich atmet er auf. Einen Verb für aufatmen kennt weder das Englische noch das Spanische, der Vorgang muss umschrieben werden. Der englische Satz lautet.

I breathed more freely.

Die korrekte Übersetzung hierfür wäre wohl schlicht Ich atmete auf. Die Tatsache, dass alle deutschen Übersetzungen mit ...Ich atmete freier... übersetzen, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass der Text nicht richtig klar ist. Der englische Orginatext lautet so.

I felt nothing; yet dreaded to move a step, lest I should be impeded by the walls of a TOMB. Perspiration burst from every pore, and stood in cold big beads upon my forehead. The agony of suspense grew at length intolerable, and I cautiously moved forward, with my arms extended , and my eyes straining from their sockets, in the hope of catching some faint ray of light.
I proceeded for many paces, but still all was blackness and vacancy.
I breathed more freely. It seemed evident that mine was not, at least, the most hideous of fates.

Eine mögliche deutsche Übersetzung wäre.
Nichts fühlte ich; doch zitterte ich, einen Schritt zu tun: aus Furcht, an die Wände eines Grabes zu stoßen. Schweiß drang mir aus jeder Pore und stand in dicken, kalten Tropfen auf meiner Stirn. Die Angst der Ungewißheit wurde zum Schluß unerträglich, und ich wagte mich vorsichtig vorwärts, streckte die Arme aus und starrte so angestrengt, dass meine Augen fast aus ihren Höhlen springen wollten, vor mich hin, in der Hoffnung, einen wenn auch noch so schwachen Lichtstrahl zu entdecken. Ich tat mehrere Schritte, doch blieb alles dunkel und leer. Ich atmete etwas freier. Es schien ja, als habe man mich doch nicht dem gräßlichsten aller Tode überliefert.

Wäre in dem Text "der gräßlichste aller Tode", dem er nun glaubt entronnen zu sein, tatsächlich genannt, dann würden wohl die meisten Übersetzungen mit aufatmen übersetzen, weil man im Deutschen aufatmet, wenn man einer Gefahr entronnen ist. Das Problem, dass wir hier haben, ist, dass erstens gar nicht genannt wird, welchem Tod er entronnen ist und zweitens auch nicht, wieso sein Vorwärtstasten in der Finsternis ihn beruhigte. Von daher schwebt das ...I breathed more freely... etwas losgelöst im Raum. Der Satz ...It seemed evident that mine was not, at least, the most hideous of fates... besagt ja eindeutig, dass er einen schrecklichen Tod fürchtete, jetzt aber beruhigt wurde. Auf der anderen Seite wird aber nicht gesagt, was er befürchtete. Literarisch gesehen, kann man das als Parabel begreifen. Wir fürchten alle den Tod, wie wir ihn uns allerdings vorstellen, hängt von unserer Phantasie und Gemütslage ab, und im Dunkeln tasten wir alle. Übersetzt man mit ...ich atmete freier... stellt man eher auf eine veränderte Gemütslage ab, die zu einer anderen Sicht der Dinge führt. Eine veränderte Gemütslage muss auch nicht notwendigerweise durch eine tatsächliche Veränderung der äußeren Bedingungen hervorgerufen worden sein, die wir ja tatsächlich nicht haben. Weil sich seine Gemütslage unmotiviert geändert hat, atmet er jetzt freier, beschrieben wird dann auch ein andauernder Zustand. Die Wendung ...ich atmete freier... suponiert auf jeden Fall einen anderen Sachzusammenhang, als die Endung ...ich atmete auf. Wenn jemand einen Geldbeutel verloren hat und diesen wiederfindet, dann atmet er auf, er er atmet dann nicht freier. Wenn jemand aber aus einem stickigen Raum ins Freie tritt, dann atmet er freier, er atmet dann nicht auf.

Unser Problem ist, dass beide spanischen Übersetzungen das nicht so sehen, sie übersetzen mit dem indefinido.

"Unsere" Übersetzung

Respiré con mayor libertad. Por fin, me pareció evidente que el destino que me habían reservado no era el más espantoso de todos.

Die Übersetzung Julio Cortázars

Respiré con mayor libertad; por lo menos parecía evidente que mi destino no era el más espantoso de todos.

Beide übersetzen mit einem indefinido ...Respiré..., was auf eine punktuelle Handlung verweist und dem deutschen aufatmen entspricht. Sie bewerten also stärker den letzten Satz, der ja eindeutig besagt, dass ein Bruch der Wahrnehmung stattgefunden hat, dass er einen als besonders gräßlich empfundenen Tod nun nicht mehr fürchtet. Wie wir bereits gesehen haben, weichen die zwei Übersetzungen hinsichtlich des Zeitensystems selten von einander ab. Hier weichen sie aber, wie bereits oben beschrieben, von einander ab. Sie weichen ab bei parecer. "Unsere" Übersetzung stellt auf einen Bruch in der Wahrnehmung ab, was durch das ...por fin... auch betont wird. In "unserer" Übersetzung verweisen sowohl das ...respiré... wie auch das ...pareció... auf den Bruch der Wahrnehmung. In "unserer" Übersetzung heißt es auch me pareció. Das ...me... besagt, dass er selbst einen Bruch in seiner Wahrnehmung erlebt. Das er selbst einen Bruch in der Wahrnehmung erlebt, besagt der englische Satz nicht, wir haben kein ...to me.

I breathed more freely. It seemed evident that mine was not, at least, the most hideous of fates.
Nicht: I breathed more freely. It seemed evident to me that mine was not, at least, the most hideous of fates.

Bei Julio Cortázar drückt nur ... respiré ... einen eventuellen Bruch der Wahrnehmung aus. Das ... parecía ... gibt zwar den englischen Satz korrekter wieder, aber schon der englische Satz ist merkwürdig, weil der Inhalt merkwürdig ist. Es wird von einem Bruch der Wahrnehmung gesprochen, der aber tatsächlich nicht stattgefunden hat. Das ... parecía ... bzw. ... seemed ... lassen, im Spanischen stärker als im Englischen, die Imagination als einen Vorgang unbestimmten Anfanges und unbestimmten Endes erscheinen. Es schien also immer schon so, dass ihm nicht der schrecklichste aller Tode bestimmt war, während in seiner subjektiven Wahrnehmung ja ein Bruch behauptet wird. Der Satz wirft also Probleme inhaltlicher Art auf, grammatikalisch lassen sich beide Lesarten begründen.


Hinweise  
  Verwendung der Zeiten
Satz76