Zusammen
mit dem Zeitensystem ist der subjuntivo eines der kompliziertesten
Kapitel der spanischen Grammatik. Dies hängt mit
der Tatsache zusammen, dass es im Deutschen nichts Vergleichbares
gibt. Es besteht die Tendenz, ihn hinsichtlich seiner
Funktion mit dem deutschen Konjunktiv zu verwechseln.
Dieser Vergleich ist aber nicht unbedingt hilfreich,
da sich der spanische subjuntivo
vom deutschen Konjunktiv
stark unterscheidet.
Der spanische subjuntivo ist nicht
mit dem deutschen Konjunktiv identisch. Die Unterschiede
sind zahlreich. Erstens ist die Bildung des deutschen
Konjunktivs morphologisch schwierig, so dass er insgesamt
wackelt, weil allein schon die Bildung problematisch
ist.
Er sagt, er sei in die Schule
gegangen.
Er sagt, er ginge in die Schule.
Er sagt, er würde in die Schule gehen.
Er meint,
wir würden ihm Geld stehlen. (Erlaubt,
da Konjunktiv II, der an die Stelle des mit dem
Indikativ identischen Konjunktivs I treten müsste, "gespreizt"
klingt).
Er meint, wir stählen ihm Geld.
Er meint, wir stehlen ihm Geld.
Eigentlich ist der jeweils erste
Satz richtig. Es müsste aber empirisch überprüft
werden, wieviel Prozent der Deutschen tatsächlich
die anderen zwei Sätze als falsch empfinden. Im
Spanischen ist das anders. Die Bildung des Konjunktivs
ist morphologisch klar, so dass das spanische System
stabil ist und eine regelwidrige Verwendung als falsch
empfunden wird.
Der deutsche Konjunktiv wird vor
allem in der indirekten Rede verwendet. Genau da wird
er aber im Spanischen nicht verwendet. Für Details
siehe Kapitel
22.
Er sagte
mir, dass er komme. = Me
dijo, que iba a venir.
Wie im Deutschen werden Bedingungssätze
aus einer Kombination von Konjunktiv und Konditional
gebildet.
Wenn ich
Geld hätte, würde ich mir ein
Auto kaufen. = Si tuviera
dinero, me compraría un coche.
Wobei
das Deutsche auch hier wackelt
Wenn ich
ihn sehen würde, würde ich ihn umbringen.
Wenn ich ihn sähe, brächte ich ihn
um.
Wenn ich ihn sähe, würde ich ihn
umbringen.
Wenn ich ihn sehen würde, brächte
ich ihn um.
Das Spanische, siehe unten, wackelt
nicht. Im wenn Teil des Satzes steht der subjuntivo,
im Hauptsatz der Konditional. Das Deutsche verhält
sich hinsichtlich des Konjunktivs überhaupt ein
bisschen skurril. Nach bestimmten Konjunktionen verwendet
nämlich auch das Deutsche den Konjunktiv, ohne
dass aber eine richtige Systematik erkennbar wäre.
Er kam
zur Tür herein, ohne dass ich es bemerkt hätte
Kausal ist eine Handlung im
Sinne der conditio sine qua non-Formel, wenn sie nicht
hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg entfiele.
(Wörtlich entnommen aus einer juristischen
Fachzeitschrift.)
Die oben stehenden Beispiele mögen
manchen Leuten komisch vorkommen, aber google bringt
für die Konstruktion ohne
dass + Konjunktiv sehr viele Treffer.
In
diesem Falle wird auch im Spanischen der subjuntivo
verwendet. siehe Kapitel 14.2.42
Entró
por la puerta sin que yo me diera cuenta.
= Er kam zur Tür herein, ohne dass ich
es bemerkt hätte.
Ein Bedürfnis, zwischen einer
realen Handlung und einer vorgestellten, erträumten,
gefürchteten, erhofften zu unterscheiden, scheint
grundsätzlich zu existieren und zu stabilen
Systemen zu führen, wenn die Bildung morphologisch
klar ist. Nicht nur die romanischen Sprachen kennen
den Subjunktiv, sondern auch das Persische.
Man
mitarsam che u beravad. = Ich fürchte,
dass er kommt. (Man mitarsam che u miravad
ist falsch)
Der persische "subjunctivo",
der eltezami, ist völlig
identisch mit dem subjunctivo der romanischen Sprachen,
bis in die Details. Da die Bildung morphologisch glasklar
ist, ist auch das persische System stabil und eine regelwidrige
Verwendung wird als falsch empfunden.
Es
gibt Situationen, wo es zwingend notwendig ist,
die Unbestimmtheit auszudrücken.
Wenn er
uns bezahlt hat, geben wir es ihm.
Das Deutsche ordnet diesen Fall
nicht in die Systematik einer allgemeingültigen
Lösung ein (die es auch nicht gibt), sondern schafft
für diesen Fall eine Sonderlösung, es verwendet
den Perfekt. Für das Spanische wird dieser Fall
durch ein allgemeingültiges System gelöst.
Es
gibt noch andere skurrile Dinge im Deutschen. Der
Deutsche sagt zum Beispiel so was.
Zuerst hat
er mich beschimpft, und hinterher hat er mit
mir geredet, als ob nichts geschehen wäre.
Diese Konstruktion ist eigentlich
der Spanischen Konstruktion ähnlich, als
ob zeigt an, dass es sich
um eine Nichtwirklichkeit handelt und der Deutsche verwendet
dann auch den Konjunktiv. Im Spanischen würde man
so konstruieren.
Primero me insultó y después me habló
como si no hubiera ocurrido nada.
Irgendwie scheint es so zu sein, dass auch im Deutschen
ein subjuntivo prinzipiell angelegt ist, es die Sprecher
danach drängt, einen solchen zu verwenden, aber dass
er morphologisch so schwer umzusetzen ist, dass er nie
zur vollen Blüte erstrahlen konnte.
Der
Deutsche sagt zum Beispiel auch so was
Er weiß
nichts, was uns interessieren könnte.
Dies entspricht der spanischen Konstruktion.
Der Hauptsatz besagt, dass das im Nebensatz Geschilderte
eine Nichtwirklichkeit ist. Im Spanischen würde
man folgendermaßen konstruieren.
No sabe nada que nos pueda interesar.
Merkwürdigerweise
sagt der Deutsche aber auch so was
Es gibt niemanden
hier, der es weiß.
(Es gibt niemanden hier, der es wüsste)
Es gibt niemanden, der einen Kuchen backt.
(Es gibt niemanden, der einen Kuchen büke)
Auch hier besagt der Hauptsatz,
dass das im Nebensatz geschilderte eine Nichtwirklichkeit
ist. Der Deutsche nimmt aber hier eher den Indikativ
und je "gestelzter" der Konjunktiv klingt,
desto wahrscheinlicher der Griff nach dem Indikativ.
Es ist also offensichtlich das morphologische Chaos,
welches den Konjunktiv verdrängt und weniger ein
grundsätzlich anderes "Sprachgefühl".
Besonders dicht am spanischen Sprachgefühl
sind auch manche Sätze, die als fertige Redewendungen
im Deutschen vorhanden sind.
Sei es wie
es sei, wir können den Plan nicht umsetzen.
Der Sprecher weiß nicht genau,
welche Hindernisse der Umsetzung des Planes im Wege
stehen und bringt dies durch den Konjunktiv zum Ausdruck.
Bei diesem Satz hat er keine Zweifel.
Da es so
ist wie es ist, können wir den Plan nicht
umsetzen.
Bei diesem Satz weiß der Sprecher
genau, warum er den Plan nicht umsetzen kann.
Wie dem auch immer sei (!), das
Deutsche hat außer in seiner Verwendung in der
indirekten Rede den Konjunktiv nicht zu einem kohärenten
System entwickeln können. Höchstwahrscheinlich
stand die komplexe Morphologie des Konjunktivs dem im
Wege. Der im Ausland erhobene Vorwurf, dass Deutsche
cabezas cuadradas, Betonköpfe, seien, die sich
streng an Regeln halten, ist zumindest im Hinblick auf
die Sprache falsch. Wir sind Chaoten, haben aber unseren
Spaß dabei.
Aufgrund der zahlreichen Unterschiede
zum deutschen Konjunktiv wird im folgenden nur noch
von subjuntivo gesprochen.